Nov
17
2005

Musikvideos, die Geschichte machten

Man hat sich inzwischen daran gewöhnt: Im Musik-TV erwischt man Videoclips meist nur noch zur Nachtzeit. Stattdessen findet sich der Musikinteressierte entweder zwischen wildfremden Turteltäubchen in der Dominikanischen Republik wieder, sieht begattungswillige Jünglinge um die Mutter der Angebeteten scharwenzeln oder er zappt mitten hinein in eine auf Tuning spezialisierte Autowerkstatt. Natürlich sieht man auch mal Videoclips, in denen ein überdimensionaler Phallus in einen Tunnel fährt. Doch hier soll es um andere Werke gehen. Dass der Clip eine musikalische Kunstform sein kann, die auch Bildwelten abseits des plumpen Abfilmens eines Live-Auftritts gestattet, wissen wir nicht erst seit A-has ’85er-Video zu „Take On Me“. Seit kurzem stehen gleich vier neue DVD-Editionen der gefeierten „Director’s Cut“-Reihe im Elektronik-Kaufhaus deiner Wahl. Nach den audiovisuellen Ehrungen an die innovativen Clip-Regisseure Spike Jonze (Beastie Boys – „Sabotage“, Fatboy Slim – „Praise You“), Chris Cunningham (Aphex Twin – „Windowlicker“, Björk – „All Is Full Of Love“) und Michel Gondry (The White Stripes – „Fell In Love With A Girl“, Daft Punk – „Around The World“) geht es nun in eine bilderstarke zweite Runde. Anton Corbijn, Jonathan Glazer, Mark Romanek und Stéphane Sednaoui heißen die Auserwählten, die zumindest das von Beginn an hoch angesetzte künstlerische Level der Reihe locker halten. Kommerziell liefen die aufwändig gestalteten und daher mit einem Verkaufspreis zwischen 22 und 25 Euro nicht eben preisgünstigen DVDs nämlich überraschend gut: Weltweit gingen die ersten drei Versionen insgesamt über eine halbe Million Mal über den Ladentisch. Auch die vier neuen Werke beinhalten neben legendären sowie von Musik-TV-Sendern schmählich missachteten Videoclips wieder Kurzfilme, Dokumentationen, Werbeclips, Behind-The-Scenes-Material und Interviews mit den beteiligten Künstlern. So mag etwa der Name Stéphane Sednaoui im Rahmen der berühmten Kollegen keine Spontanassoziation hervor rufen, was die Erwähnung des Videoclips zu „Give It Away“ der Red Hot Chili Peppers allerdings schnell ändert. Über den Jean-Paul Gaultier-Intimus hat denn auch Bassist Flea eine erheiternde Anekdote parat, in der er erläutert, wie die Band beim Videodreh das französisch gefärbte Englisch Sédnaouis nachäffte. Von Anton Corbijn, Hausfotograf von Depeche Mode, U2 und Herbert Grönemeyer, finden sich rare Video-Frühwerke für Palais Schaumburg und Front 242 auf der DVD. Zusätzlich erzählen Dave Gahan und Bono, was ihnen anhand der kruden Skriptideen des Regisseurs zunächst durch den Kopf ging. Im Director’s Cut für Jonathan Glazer spielen neben Clips von Radiohead („Street Spirit“) und Jamiroquai („Virtual Insanity“) Werbefilme eine größere Rolle, etwa für Guinness oder Wrangler. Mit Nicole Kidman und Ben Kingsley kommen so auch Schauspieler in der Interview-Sektion zu Wort. Die mit 300 Minuten längste DVD ist die über Mark Romanek, die allein satte 26 Videoclips (Johnny Cash – „Hurt“, Jay-Z – „99 Problems“, RHCP – „Can’t Stop“) listet. Weihnachten ist übrigens schon in fünf Wochen.