Mar
8
2004

Helden gegen „Dieter Hussein“

readmore_rock_RN219832_v1

Auch Berlin hatte seinen Skandal, allerdings nur einen klitzekleinen: VIVA-Moderatorin Gülcan riss das Top. Gut, dass Oliver „Schwiegersohn der Nation“ Geissen zur Stelle war und der aufgeschmissenen Gülcan während ihrer Rede das Top zusammenhielt. Noch mal gut gegangen. Zwar kamen hier keine schwarzen Balken ins Bild, über Zensur muss man sich trotzdem Gedanken machen. Während der Show äußerte sich Comedy-Star Michael Mittermeier unflätig über Dieter Bohlen (der trotzdem zum erfolgreichsten Produzenten des Landes gewählt wurde und dafür dem Bild-Chef dankte). Von der „Diktatur des Dieter Hussein“ war da die Rede und von „musikalischen Massenvernichtungswaffen“. Da lobe er sich die Taliban, die würden wenigstens nicht singen. Und dass man wieder echte Bands brauche. In der mit einstündiger Verzögerung ausgestrahlten Übertragung bekam das Fernsehpublikum von den harten Worten nichts mit. Angeblich gab es just in diesem Moment eine Tonstörung. Der Lichtblick des Abends waren die Abräumer „Wir Sind Helden“ (vier Echos). Deren strahlend schöne Frontfrau Judith Holofernes mahnte sogleich, die Branche solle wieder mit dem Herzen an die Musik denken. So geschehen bei ihrer Plattenfirma Labels Germany, die dafür den Preis fürs beste Marketing gewann. Labels-Chef Christof Ellinghaus gab in einem Interview mit der Berliner Zeitung zu, die nun so erfolgreiche Band erst verkannt zu haben. Als ein Kollege ihm die Helden anpries, habe er gedacht, „interessiert mich nicht. Helden, Stolz, das ist bestimmt so Leni-Riefenstahl-Musik mit Schwulenoptik.“ Erst als er „Guten Tag“ gehört habe, sei er „zusammengezuckt“. Labels wollte die Band so unter Vertrag nehmen, wie sie war, und nicht (wie andere Plattenfirmen) aus der hübschen Sängerin einen niedlichen Solostar machen. Das hat sich ausgezahlt. Dieses Jahr erhielten sie den Echo als „Newcomer national“, den „Nationalen Radio-Nachwuchs-Preis“ und für das beste „Newcomer Video national“. Die versammelte Casting-Riege hingegen konnte sich nur einen Preis abholen: den für die beste nationale Single („We Have A Dream“). Entertainer Götz Alsmann setzte sich mit seinem aktuellen Album „Tabu“ in der Jazz-Kategorie gegen harte Konkurrenz wie Maceo Parker und Pat Metheny durch. Für sein Lebenswerk zeichnete die Jury Howard Carpendale aus. Ansonsten stach niemand wirklich aus der Liste der Gewinner in 26 Kategorien heraus. Nicht verwunderlich, wenn diejenigen die Preise kriegen, die am meisten verkauft haben. Erwähnenswert: Robbie Williams bekam zum zweiten Mal in Folge die Auszeichnung als bester internationaler Künstler, Evanescence wurden beste internationale und beste internationale alternative Gruppe. Auf der Showbühne begeisterten Pink im Käfig, The Darkness, die mit einem Raumschiff auf die Bühne schweben, Kylie mit ihrem Hüftschwung und Wir Sind Helden, die es als einzige wagten, live zu spielen (und damit gleich einen technischen Defekt auslösten). Zu Recht fragte Dirk Bach mit Anspielung auf die Nominierten: „Und ihr wundert euch, dass es euch schlecht geht?“