Oct
14
2016

Die Könige des Löwen: „Walls“ und ihre besten Alben

Es ist schwer, sie in Worte zu fassen, die vier Jungs mit dem eingängigen Namen. Könige nennen sie sich – und wie Könige werden sie gefeiert. Und das zurecht, denn die Kings of Leon vermögen es mit ihrem melancholischen und dennoch oft von einer eigenwilligen Leichtigkeit getragenen Southern-Indie-Rock, die ganz großen Hallen dieser Welt zum Bersten zu bringen.

Text: Philipp Gosselck

Ihr Name ist übrigens eine Hommage an ihren Großvater Leon, der sicher mächtig stolz auf seine Enkel wäre. Mit ihrem erstaunlich wandelbaren Sound und Calebs markanter Stimme wurde die Band zunächst in Großbritannien und Europa zu den gefeierten Stars, die sie heute international sind.

Aufgewachsen in Oklahoma und Tennessee sind die drei Brüder Caleb, Jared und Nathan Followill eigentlich schon ihr ganzes Leben auf Tour. Ihr Vater, ein Ex-Hippie, fand irgendwann seinen Weg zu Gott und wurde Wanderprediger, der mit seiner Familie durch die Südstaaten der USA zog, dorthin, wo er eben gerade zu predigen hatte.

Als Nathan und Caleb später im Umfeld der legendären Nashville-Musikszene begannen, ihre eigenen Songs zu schreiben, dauerte es nicht lange, bis das erste Label Interesse bekundete. Die Brüder holten daraufhin ihr Nesthäkchen Jared ins Boot, dem ein Bass umgehängt wurde und der nun eine der schnellsten „Ausbildungen“ der Musikgeschichte hinter sich bringen musste. Mit einer sanften Entführung wurde Bandmitglied Nummer vier an Bord geholt – ihr Cousin Matthew Followill. Dessen Mutter erzählten sie, dass sie Matthew in ein paar Tagen wiedersehen würde. Einen Monat lang schlossen sich die vier im Keller der Eltern ein, rauchten Pot und übten, übten, übten.

Das ist 16 Jahre und sechs Alben her. Nun sind sie zurück – und sie haben nicht vor, den Rockolymp einfach so wieder zu verlassen.

Kings Of Leon Cover WallsReißt sie nieder!

WALLS ist ein Befreiungsschlag, ein Album das eine Rückbesinnung nicht nur auf die musikalischen Wurzeln der Band, sondern auch auf die grundlegenden Werte eines jeden Menschen ist. Die Fassaden einreißen, hinter denen man sich täglich versteckt, alte Gewohnheiten ablegen und sich wieder ganz offen zu zeigen, so formuliert Caleb den Anspruch, den er selbst an WALLS stellt. Um diesen Schritt aus Komfortzone auch vollziehen zu können, sind die Jungs aus Nashville nach LA gereist und haben sich Markus Dravs als Produzenten an Bord geholt, der bereits mit Arcade Fire, Coldplay und Florence and the Machine fantastische Alben hingelegt hat.
Und WALLS liefert, was Band und Fans von einem Kings of Leon Album erwarten. Die stadiongroßen, elektrisierenden Hymnen, die satten rockigen Riffs einer Südstaaten-Band und die melancholisch-verspielten Indie-Rock-Blaupausen, nach deren Vorbild vielleicht noch in Jahrzehnten Songs geschrieben werden. Waste a Moment – der Opener ist ein im besten Wortsinne angenehm vertrauter Song, der in drei Minuten die Essenz dieser Band einfängt. Den Gegenpol bildet der Titelsong Walls, der das Album abschließt. Traurig, aber voller Hoffnung, ganz leise zunächst und sich dann immer intensiver entfaltend. Hier liegt die ganz große Stärke dieser Band – in großen Songs, die sonst einfach niemand schreibt. Die Kings of Leon sind nicht wieder da. Sie waren nie weg.

Der Weg zu WALLS ist spannend und abwechslungsreich. Wir werfen einen Blick auf die besten Langspieler der Kings of Leon.

Kings Of Leon Cover Youth And Young ManhoodDer Grundstein: Die Southern Rock Alternative

Ihr erstes Album Youth And Young Manhood legte das Fundament des Erfolges der Kings of Leon. Schon kurz nach Release im Juli 2003 erreichte die Platte in Großbritannien Platz 3 der Charts. Von einem der besten Debutalben der letzten 10 Jahre war die Rede, der Guardian verglich es gar mit dem Rebellentum der frühen Stones.
In den USA hingegen blieb dem Album allenfalls ein kleiner Achtungserfolg beschert. Stilistisch deckt Youth And Young Manhood bereits ein breites Spektrum ab. Von beinahe klassischen Southern Rock-Nummern wie Happy Alone und der ersten Single Red Morning Light über den rotzig-punkigen Zweieinhalbminüter Wasted Time gab es auch immer wieder schräge Alternative-Anklänge, wie sie auch auf den späteren Alben zu finden sein würden.

Kings Of Leon Cover Aha Shake HeartbreakLaut und direkt nachgelegt – Aha Shake Heartbreak

Ein ganzes Stück weniger kratzig kam ein Jahr später das zweite Album Aha Shake Heartbreak daher. Laut, wild und ungestüm zwar, aber deutlich sauberer und aufwendiger produziert, liegt der Fokus nun immer mehr auf Caleb Followills wunderbarer Stimme. Zarte, eigenbrötlerische Balladen wie Milk werden fast allein von Calebs Gesang getragen und schweben fast schwerelos durch den Raum. Druckvoll und bluesig hingegen hauen die Kings einem ihre Single Four Kicks um die Ohren. The Bucket, ebenfalls als Single ausgekoppelt, könnte so auch auf einem exzellenten britischen Indie-Album erschienen sein. Abwechslungsreich und vielschichtig – die Handschrift der Kings of Leon wird immer deutlicher erkennbar. Es folgen große Touren mit U2, Pearl Jam und Bob Dylan.

Kings Of Leon Cover Because Of The TimesEs gibt auf die Ohren – Rock ist auch immer ein bisschen Verzweiflung

Mit Because of the Times erschien ein experimentelles, aber dennoch zugängliches Rock-Album, das 2007 zu den erfolgreichsten Alben überhaupt zählte und in zahlreichen Polls auf hohen Platzierungen landete. Die Single Fans feiert die seit Beginn der Bandgeschichte treuen britischen Fans der Band und spätestens jetzt waren die Kings of Leon auch in den USA ein Publikumsmagnet.
Die Welt ist noch immer kein wirklich schöner Ort, möchte man den oft düsteren Texten der Band Glauben schenken. Doch das ist noch lange kein Grund, den Kopf allzu tief in den Sand (oder das Schnapsglas) zu stecken. Black Thumbnail hat den schweren Groove des 70s Heavy Blues Rock an sich, es heulen die Feedbacks und Caleb schreit sich von der Seele, dass er sich nun mal nicht ändern kann. Nachdenklich, aber trotzdem unverbesserlich – das ist die Haltung, aus der Rock’n’Roll geboren wird.

Kings Of Leon Cover Mechanical BullKein bisschen leise – aber doch ein Stückchen weiser?

Wir springen 6 Jahre nach vorne: 2013 erschien Mechanical Bull. Dem Album vorausgegangen waren die klassischen mittelschweren Katastrophen, die einer Rockband nun einmal widerfahren können. Eine abgebrochene US-Tournee, Trennungsgerüchte und Alkoholeskapaden. Doch Asche kann ein hervorragender Dünger für Neues sein. Unberechenbar, mit plötzlich aus dem Nirgendwo auftauchenden Gitarrensoli und einem hämmernden Klavierstakkato im Hintergrund erinnert Don’t Matter an Josh Homme und die guten alten Queens of the Stone Age. Verspielt-leichte Indie-Pop-Balladen wie die Single Wait for Me haben ein ungeheures Hit-Potential und werten so manche nächtliche Autofahrt dramatisch auf. Mechanical Bull ist ein facettenreiches Zusammenspiel all jener Elemente, die die Kings of Leon zu einer der größten Rockbands dieser Zeit gemacht haben.

The only boy who can ever reach me – was the son of a preacher man.
Dusty Springfield hat es eben immer schon gewusst. Bei den Kings of Leon gibt es sogar gleich drei Pfarrerssöhne. Dusty, nimm Dich in Acht!