Mar
3
2016

Wie Frauen die Rockmusik eroberten

Soeben hat die US-Regisseurin Amy J. Berg der legendären Janis Joplin mit dem Biopic „Janis: Little Girl Blue“ ein beeindruckendes Denkmal gesetzt. Tatsächlich war Joplin der erste weibliche Superstar der Rockmusik. Rechtzeitig zum Internationalen Frauentag am 8. März hier also ein Blick zurück auf die Zeit, als das weibliche Geschlecht die Musikszene zu rocken begann…

Text: Ernst Hofacker

1968: Es ist der Moment, in dem die noch junge Rockmusik ihren ersten weiblichen Superstar feiert. Janis Joplins Album „Cheap Thrills“, das sie gemeinsam mit ihrer Band Big Brother & The Holding Company aufgenommen hat, klettert auf Platz eins der US-Charts, und im Kinofilm über das Monterey-Pop-Festival bildet sie mit ihrer explosiven Performance das neben Jimi Hendrix unbestrittene Highlight. Was Janis auszeichnet, ist freilich nicht nur ihre einzigartige Gesangsstimme, es ist vor allem ihr ungewöhnliches Image: Mit scheinbar unerschütterlichem Selbstbewusstsein, schriller Hippiegarderobe und unverhohlen fordernder Sexualität wird sie zur Leitfigur der sich gerade konstituierenden Frauenbewegung. Janis nimmt sich, was sie will. Und sie kommt damit durch. Auch und gerade als Frau.

Von der jungen Frauenbewegung, die Joplin symbolisiert, haben die Hippies allerdings noch kaum etwas mitgekriegt. So verkündet Abbie Hoffman, Wortführer der Anarcho-Gruppierung Yippies: „Das einzige Bündnis, das ich mit einer Frau eingehen würde, wäre   im Bett.“ Und der afroamerikanische Black-Panther Eldridge Cleaver ist da ganz der Meinung seines weißen Bruders: „Frauen? Ich finde, sie sollten ihre Muschi-Macht ausüben!“
Das Frauenbild der Sixties-Gegenkultur war einigermaßen rückständig und die Popbranche noch in jeglicher Hinsicht von Männern dominiert. Weibliche Stars hatte es zwar schon immer gegeben, die aber hatten in der Regel widerspruchslos getan, was Manager und Produzenten ihnen gesagt hatten. Hinter den Kulissen und abseits des Spotlights wurden Frauen allenfalls als Sekretärinnen geduldet. Ausnahmen wie Estelle Axton, Co-Chefin von Stax Records, und die Bassistin Carol Kaye, die schon zu Beginn der 1960er-Jahre zu den meistgebuchten Studiomusikerinnen in Los Angeles gehörte, bestätigten die Regel. Das einzige Gebiet, auf dem Frauen bereits mitmischten, war das des Songwritings. Die bekanntesten Komponistinnen hießen Carole King, Ellie Greenwich und Cynthia Weil, sie alle bildeten jeweils eine Hälfte erfolgreicher Songwriterteams im legendären New Yorker Musikverlagshaus Brill Building.

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Patti Smith, Foto: Steven Sebring

Erst allmählich begannen sich die Dinge zu ändern. Neben Janis Joplin waren es vor allem Aretha Franklin, die 1967 mit „Respect“ eine der ersten Frauenhymnen schuf, und selbstbewusste Musikerinnen wie Grace Slick/Jefferson Airplane, Nico und Maureen Tucker von Velvet Underground, die auch hinter den Kulissen das Heft in die Hand nahmen. Dazu rückten im Zuge der heraufdämmernden Singer/Songwriterszene nun verstärkt Künstlerinnen wie Joni Mitchell, Judy Collins und Melanie Safka ins Rampenlicht, die ihre Karriere selbst bestimmten. Wieder andere wie zum Beispiel Ronettes-Leadsängerin Ronnie Spector und Ex-Supremes-Star Diana Ross begannen sich von der Dominanz ihrer Produzenten – in diesem Fall Phil Spector und Berry Gordy Jr. – zu emanzipieren.

Interessant: Parallel zum Erstarken des weiblichen Geschlechts im Business und vor dem Hintergrund einer allgemeinen gesellschaftlichen Liberalisierung begann sich auch das in Rocksongs präsentierte Frauenbild zu ändern. Bob Dylan war der wohl erste Rockmusiker, der mit differenzierten Porträts daherkam. Songs wie „Love Minus Zero/No Limit“ und das seiner Frau Sara gewidmete „Sad-Eyed Lady Of The Lowlands“ vom 1966er-Album „Blonde On Blonde“ setzten neue Maßstäbe auch auf diesem Feld, und Männer wie Leonard Cohen zogen nach („Suzanne“). Bis mit Helen Reddy („I Am Woman“) die erste Women’s-Lib-Aktivistin in den Top Ten auftauchte, sollte es allerdings noch bis 1972 dauern. In den 1970ern dann eroberten Frauen das Musikbiz auf breiter Front: zum Beispiel Patti Smith und Debbie Harry/Blondie, die sich im Punk-Umfeld einen Namen machten; ebenso sorgten die ruppigen Metal-Mädels von Girlschool für Furore, das Londoner Quartett konnte sich sogar den Respekt von Motörhead-Boss Lemmy Kilmister verschaffen.

P!nk_Studio

P!nk im Studio, Foto: Sony Music

Der Rest ist Geschichte – bis hin zu heutigen Superstars wie P!nk, Elle King und Beth Ditto/Gossip, in deren aufmüpfigen Habitus sich eine unverkennbare Portion der guten alten Janis findet. Nicht zu vergessen beispielsweise auch die schwedischen Melodic-Death-Metaller Arch Enemy und deren US-Genre-Kollegen Butcher Babies. Beide Bands gehören zu den Big Names der aktuellen Szene und verfügen über Frontfrauen, Letztere sogar über gleich zwei!

Kurzum: Nicht nur als Sängerinnen, auch als Instrumentalistinnen und an allen möglichen Schaltstellen der Branche sind Frauen heute weitestgehend der Normalfall. Die Jungs von AC/DC wussten es ja schon immer: Girls got rhythm!

 
Die Spotifyplaylist zum internationalen Weltfrauentag:

 
Frauenpower pur – elf Alben von starken Ladies:

 

Janis-Joplin_Cover_OSTJanis Joplin: Janis: Little Girl Blue (OST)
Die Musik zum Film: Janis mit einigen ihrer unvergessenen Klassiker, allen voran „Me And Bobby McGee“, „Summertime“, „Ball And Chain“ und „Get It While You Can“.

 

Patti Smith_Outside SocietyPatti Smith: Outside Society
Nicht umsonst nennt man sie „Godmother of Punk“: Mit klugen und kraftvollen Songs wie „Gloria“, „Rock N Roll Nigger“ und „Because The Night“ prägte sie das Genre.

 

Jefferson Airplane_Original Album ClassicsJefferson Airplane: Original Album Classics (5-CD-Boxset)
Mit den Flowerpower-Hits „White Rabbit“ und „Somebody To Love“ wurde Grace Slick als Leadsängerin der San-Francisco-Band Jefferson Airplane zur Legende.

 

Ronnie Spector_The Very Best OfRonnie Spector: The Very Best Of
Schon in den frühen 1960er-Jahren feierte Ronnie Spector mit den Ronettes Welthits wie „Be My Baby“ und „Baby, I Love You“, später arbeitete sie erfolgreich solo.

 

P!nk_The Albums so farP!nk: The Albums … So Far!!! (6-CD-Boxset)
Sie ist die wohl eigenwilligste und dennoch erfolgreichste US-Rock-Lady: Sechs Alben hat Pink bislang veröffentlicht, fünf davon schafften auch bei uns die Top Ten!

 

Guano Apes_Planet Of The ApesGuano Apes: Planet Of The Apes – Best Of
Frauenpower, made in Germany: Mit den Guano Apes und dem Monsterhit „Open Your Eyes“ startete die Göttingerin bereits 1997 durch – bis heute rockt sie die Nation.

 

Elle King_Love StuffElle King: Love Stuff
Mit dem rustikalen Rock/Folk/Soul-Gebräu ihres Debütalbums „Love Stuff“ gehört die Tochter von Hollywood-Star Rob Schneider zu den Neuentdeckungen der letzten Saison und wird öfter mit Janis Joplin verglichen.

 

Gossip_Music For MenGossip: Music For Men
Als die US-Indieband aus ihrem vierten Album die Single „Heavy Cross“ auskoppelte, gelang Leadsängerin Beth Ditto und ihrer Truppe der internationale Durchbruch.

 

Within Temptation_Mother EarthWithin Temptation: Mother Earth
Die niederländische Band um Frontfrau Sharon den Ardel zählt zur handverlesenen Elite der Goth-Metal-Szene – nicht zuletzt dank elektrisierender Live-Shows.

 

Arch Enemy_Doomsday MachineArch Enemy: Doomsday Machine
Melodic Death-Metal aus Schweden mit einer deutschstämmigen Sängerin: Das sechste Studioalbum bescherte Arch Enemy und Leadsängerin Angela Gossow den Durchbruch. Seit 2014 singt statt ihrer Alissa White-Gluz.

 

Butcher Babies_Take It Like A ManButcher Babies: Take It Like A Man
Mit gleich zwei Frontfrauen, Heidi Shepherd und Carla Harvey, arbeiten die US-Metaller Butcher Babies. Schon ihr zweites Album, „Take It Like A Man“ (2015), brachte den internationalen Erfolg.