Mar
28
2003

Zensur zu Gunsten des Krieges

Jegliche Videos, deren Inhalte auf den Krieg anspielen, sollen nicht mehr gespielt werden, fordert das interne Memo von MTV Europe. Das Schreiben eines Managers von MTV Networks Europe erklärt, dass seit Kriegsbeginn neue Empfehlungen für das Aussenden und den Inhalt der gezeigten Videos gelten. Man geht von einer erhöhten Sensibilität der Öffentlichkeit aus, was Bilder vom Krieg, Soldaten, Bombardierungen und Ähnlichem betrifft. Die britische Landesmedienanstalt ITC hat nun einen Programmcode an MTV UK heraus gegeben, der von dem Musiksender verlangt, ab sofort kein Material mehr auszusenden, das gegen den „guten Geschmack“ verstößt oder bei den allgemein herrschenden Gefühlen befremdlich wirkt. Deshalb sollen ab sofort keine Videos mehr auf MTV UK zu sehen sein, die „Krieg, Soldaten, Kriegsflugzeuge, Bomben, Raketen, Aufstände und soziale Unruhen, Exekutionen oder anderes offensichtlich heikles Material“ zeigen. Davon betroffen und explizit in dem Memo genannt sind u.a. das neue System Of A Down-Video „Boom!“ von Doku-Filmer Michael Moore, Manic Street Preachers‘ „So Why So Sad“ (man sieht, wie Soldaten getötet werden und ein Mann eine Handgranate wirft), Radioheads „Lucky“ (zeigt Kriegsmaterial und verletzte Kinder) und – am unglaublichsten – Areosmiths‘ „Don’t Wanna Miss A Thing“ (es enthält Ausschnitte aus „Armageddon“). Dabei handelt es sich nur um einige exemplarische Beispiele. Des weiteren sollen Videos, die Wörter wie „Bombe“, „Krieg“, „Rakete“ oder ähnliches im Titel oder Artistnamen enthalten, nicht mehr gesendet werden. Darunter fallen unter anderem Outkasts „B.O.B. (Bombs Over Baghdad)“, Radioheads „Invasion“, Megadeaths „Holy Wars“ und mehr. Diese Titel könnten, wie auch der Bandname B 52s, Gefühle verletzen, heißt es in dem Schreiben. Das wäre ja auch wirklich schlimm, wenn im Irak-Krieg unschuldige Gefühle verletzt würden … Das Rundschreiben macht weiter deutlich, dass es sich bei den genannten Songs nicht um eine vollständige Liste handele, und fordert die Mitarbeiter auf, vor der Aussendung eines Videos die „ITV video restrictions database“ zu checken. Auch im Rahmen-Programm sollen keine Features erscheinen, die anecken könnten. Neben Bildern, die Krieg, Waffen und ähnliches zeigen, sollen die Moderatoren gefälligst auch keine Witze über den Krieg oder Truppen im Krieg (sowohl Iraker als auch Alliierte) reißen. Kommentare über den Krieg habe man gefälligst zu unterlassen. Alle Sendungen, die sich dennoch mit dem Irakkrieg beschäftigen, sollen einen neutralen Standpunkt vertreten. Für MTV Deutschland gelten diese krassen Einschränkungen des Programms nicht. „Sowohl das kritische Video von System of a Down als auch das neue Blur-Video werden bei uns gezeigt“, sagte Pressesprecher Mats Wappmann auf Anfrage von LAUT. Das Blur-Video zeigt ein Kriegsschiff der US Navy, das im Golf patrouilliert. Es dokumentiert die Geschichte eines weiblichen Marine-Mitglieds. MTV Deutschland will gerade mit solchen Clips ein Statement für den Frieden setzten. „Es passiert nur ganz selten, dass MTV Europe uns etwas vorschreibt. Zu 90% ist MTV Deutschland ein eigenständiger Sender,“ erklärt Wappmann.